Im Fokus

Whisky aus dem Holzfass

Das Geheimnis des Whiskys aus dem Oberaargau

Christian Lauper macht Schweizer Whisky mit schottischer Seele. In der Distillerie in Aarwangen redet er über seine Firma Langatun und erzählt auch, warum es im Oberaargau so viele Engel gibt.

Fass und auch nicht in einer Brennblase, sondern mit einem rothaarigen Buben aus Günsberg SO. «Du siehst aus wie ein Highlander», sagte jemand zu ihm. Damals ahnte Lauper nicht, dass ihn dieser Satz bis in die schottischen Highlands – und schliesslich zur eigenen Distillery Langatun in Aarwangen BE – führen würde. «Ich wusste nicht, was ein Highlander war, doch dann habe ich mich zunächst in die Sagen und Geschichten Schottlands verabenteuert, später die archaisch schönen Landschaften der Highlands und der Inseln besucht, den legendären Clan-Geschichten zugehört und mich in Land und Leute verliebt», erzählt Christian Lauper. Die Haare sind immer noch lang, doch die Jahre haben ein paar graue Strähnen hineingewoben. 

Ganz Schottland im Old Deer

Die Rauheit, die Sanftheit, der Geruch der Torffeuer, die klaren Seen, der Wind, das Wetter – das konnte er nicht in die Schweiz mitnehmen. «Aber dann habe ich herausgefunden, dass sich all das in gutem schottischen Whisky konzentriert», sagt der Solothurner. Er begann zunächst, «Wasser des Lebens» zu importieren, bevor eine Zufallsbekanntschaft Laupers Leben veränderte. «Ich traf Hans Baumgartner aus Langenthal BE. Sein Urgrossvater Jakob Baumgartner brannte schon im vorletzten Jahrhundert Whisky dortselbst», erzählt Lauper. «Hans Baumgartner III. beschloss 1999, an die grossväterliche Tradition anzuknüpfen. Ich stieg 2014 in das Geschäft ein und seit 2016 bin ich Mitbesitzer und Geschäftsführer der Langatun Distillery, die sich heute im ehemaligen Zollund Zehntengebäude aus dem Jahr 1616 in Aarwangen befindet.» Wer dieses Gebäude betritt, senkt automatisch die Stimme – fast wie in einer Kirche. Nur dass da anstatt eines Altars blitzende Kupfergeräte stehen. In der Luft liegt nicht Weihrauch, sondern der Duft von Maische und Alkohol. Aus einem der Kessel rinnt ein dünner Faden, aus dem viele Jahre später Whisky wird. «Klar könnten wir schneller produzieren, aber dann hätten wir nicht die Qualität erreicht, die wir heute haben», sagt Lauper. «Wir sind kein Industriebetrieb, wir nehmen uns viel Zeit, und machen alles von Hand. Nur die Etiketten werden maschinell geklebt.» Auf einer dieser Etiketten steht «Old Deer» und der entsprechende Whisky ist auch bei Prodega erhältlich. 

Von der Wichtigkeit der Fässer

Bis der Old Deer in Flaschen abgefüllt wird, vergehen nicht nur mindestens sechs Jahre, es werden auch viele Überlegungen angestellt und Entscheidungen gefällt. «Wir waren die ersten in der Schweiz und wohl auch in Europa, die den Whisky nicht nur in den üblichen Sherry- und Bourbon-, sondern vor allem in Weinfässern alt werden liessen.» Die Fässer sind zu 70 Prozent für den Geschmack und die Aromen des Whiskys verantwortlich und wer sich dabei vertut, dessen Whisky schmeckt nach den Reifejahren nach Essig, nassem Karton oder allem Möglichen. Nur nicht nach Whisky. Christian Lauper suchte anfänglich das Holz selbst aus. Heute käme es keinem Lieferanten in den Sinn, ihm ein schlechtes Fass andrehen zu wollen. Fässer sind Unikate, jedes mit einer eigenen Geschmacksnuance. Manche Whiskys werden nach einigen Jahren für das Finish in ein anderes Fass umgelagert. Für den Rest des Whisky-Charakters sind bei Langatun Hefe, Wasser, Gerste und natürlich Meisterbrenner Stefan Beck verantwortlich. Er ist einer von 15 Langatun-Festangestellten. 

Angelshare

Langatun und Lauper waren Pioniere. «Seit den 2000er-Jahren sind Destillerien wie Pilze aus dem Boden geschossen», erzählt Christian Lauper. Viele sind wieder verschwunden. Warum floriert Langatun heute? Da muss er nicht lange überlegen: Qualität. Geduld. Und ein paar Engel. «In einem meiner Lagerhäuser ist es im Winter zwei Grad kalt und im Sommer gegen 30 Grad heiss.» Dem Whisky bekommen diese Extreme. Den Fässern auch – auf ihre Weise. Das Holz arbeitet, der Whisky atmet, ein Teil verdunstet. Die Schotten nennen das den Angel’s Share, den Anteil der Engel. Lauper grinst und sagt: «In dieser Gegend hat es wohl noch nie so viele Engel gegeben wie heute.» 

 

Text: Franz Bamert Foto: Olivia Pulver

Portrait

Christian Lauper

Alter: 56 
Vorbilder: Visionäre, die an eine Idee glauben, diese erfolgreich umsetzen und etwas bewegen. 
Das perfekte Essen zu einem Old Deer? Ein Rindsfilet. 
Warum kein Eis im Whisky? Eis kühlt den Whisky ab, lässt die enthaltenen ätherischen Öle und Aromen zusammenziehen und versetzt sie in eine Art Schockstarre. Dadurch entfaltet sich die Vielfalt der Geschmacksnoten nicht mehr richtig.