Montag, 19.01.2026
Auf den Tisch statt in den Kübel
Das ist eine kleine, feine WEF-Geschichte, die wie ein leicht verspätetes Weihnachtsmärchen anmutet. Sie dreht sich um Essen, um Überfluss und um Menschen mit viel gutem Willen. Angefangen hat das Ganze vor sechs Jahren und im Gegensatz zu vielen WEF-Vorsätzen hat es bis heute Bestand. «Wie so oft diskutierte ich mit Pfarrer Stefan Pfister bei uns in der Lounge über Gott, die Welt und das anstehende WEF», erinnert sich Grischa-Direktor Cyrill Ackermann. Wer jetzt genau was sagte, ist unwichtig, aber am Schluss des Gesprächs war etwas klar: «Wir beide wollten uns nicht länger mit der Tatsache abfinden, dass Lebensmittel, also Mittel zum Leben, im schlechtesten Fall im Abfall oder im zweitschlechtesten in der Kompostanlage landen.» Wie viele Nahrungsmittel während des WEF zusammenkommen, ist nicht klar. Aber es ist viel. Ackermann weiss auch warum: «Oft melden sich die WEF-Teilnehmer für verschiedene Events an, bei denen es in der Regel auch immer etwas zu essen gibt. Aber da sich niemand aufteilen kann, wird am Schluss nur ein Anlass besucht. Übrig bleibt dann das Essen.» Er erzählt auch die Geschichte vom Apéro Riche, für den zunächst 50, dann 150 und am Schluss 250 Personen angemeldet waren: «Unsere Leute in der Küche gaben ihr Bestes und richteten pro Person zehn Häppchen. Macht summa summarum 2500 Häppchen. Gekommen sind dann sieben Gäste.»
SO VIEL GUTER WILLE
Auf jeden Fall sagten sich der Pfarrer und der Hoteldirektor: Da muss doch was zu machen sein. «Ich war damals schon 15 Jahre in Davos, sass in der Gemeinde-Legislative und hatte gute Verbindungen. Das half.» Er rief Landschreiber Michael Straub an: «Wir brauchen während des WEF ein Restaurant. Zentral gelegen. Gratis.» Und das während des grössten Anlasses, den es in Davos gibt. «Eine halbe Stunde später sicherte uns die Gemeinde das Restaurant des Langlaufzentrums zu.» Ähnlich lief es bei anderen Angefragten. Transgourmet stellt einen Transport-Lastwagen zur Verfügung, Heineken liefert die Getränke. Eine Küchenfirma die benötigten Maschinen, eine Gastro-Firma Teller und Besteck, zwei Metzgereien stellen je einen Kühl-Lastwagen zur Verfügung. «Alle Beteiligten sagten sofort zu und leisten ihre Dienste gratis. Das zeigt, wie wichtig Foodwaste geworden ist», so Ackermann. Fehlte nur noch das Essen, respektive die Hotels, die mitmachen. Die waren zunächst zögerlich, aber das muss man verstehen, sagt Ackermann: «Während des WEF arbeiten alle Gastrobetriebe bis zum Anschlag und darüber hinaus.» Rund 20 Hotels und zahlreiche Caterer sind heute dabei und teilen ihren Überfluss mit dem inzwischen gegründeten Verein «Food4Reasons», respektive mit den Menschen von Davos, die sich im Restaurant des Langlaufzentrums einfinden. «Zu den Gästen gehören etwa die Fahrer der Limousinen, Angestellte aus den Geschäften oder Schülerinnen und Schüler», so Ackermann. Hinter dem Lichterglanz des WEF, an dem sich die Reichen, Schönen und Mächtigen der Welt treffen, gibt es auch in Davos Menschen, die sich nie im Leben so fein zubereitetes Essen leisten könnten. Doch wir geben es gratis ab. Wer will, kann etwas in den Spendentopf legen. Letztes Jahr kamen so gegen 12 000 Franken zusammen. Dieses Geld kommt der Davoser Jugend zugute: «2025 haben wir unter anderem einen Jugendsporttag inklusive Essen und allem Drum und Dran finanziert sowie weitere Projekte.»
TIEFE ZUFRIEDENHEIT
Was einst wie ein Weihnachtsmärchen begann, geht jetzt in die sechste Runde. «Wir sind ein Teil des WEF geworden, der nicht mehr wegzudenken ist», sagt der Grischa-Direktor. Was treibt ihn und den Verein eigentlich an? Cyrill Ackermann muss keinen Moment nachdenken: «Das Ganze ist immer mit einem ziemlichen Aufwand verbunden. Doch mir tut keine Sekunde leid. Im Gegenteil: Beim Gedanken an das gerettete Essen, an all die Menschen, die mithelfen und jene, die davon etwas haben, fühle ich nur eins: eine tiefe Zufriedenheit.»
CYRILL ACKERMANN
Alter: 51
Liebste Jahreszeit: Der schöne Bergsommer
Geht gar nicht: Neid und Missgunst
Muss sein: Teile, was du teilen kannst
Hobbys: Biken, Wandern, Familie Buch auf dem
Nachttisch: Biografie von Roger Federer
Rückzugsort: Natur
Text: Franz Bamert
Foto: Nicola Pitaro