Montag, 30.03.2026
Dinieren im Dunkeln
Selbst in der finstersten Nacht und im dunkelsten Wald kommt von irgendwoher noch ein bisschen Licht. Sooo schwierig wird es also auch in der «blindekuh» nicht sein, sich zurechtzufinden. Also hinein ins Abenteuer, hinein in dieses Restaurant in Zürich (und Basel). Doch dann ist da wirklich nichts, nicht mal der kleinste LED-Schimmer einer Kaffeemaschine. Aber 1000 Möglichkeiten, gegen etwas zu laufen, sich weh zu tun, den Weg zu verlieren. Dafür dämmert es im Kopf: So also müssen sich die rund 370 000 Menschen fühlen, die in der Schweiz blind oder sehbehindert sind.
VERWÖHNPROGRAMM
Die warme Stimme von Jean Baldo, der zum Leitungsteam gehört, macht dem anfänglichen Unbehagen ein Ende. Er ist von Geburt an einer dieser 370 000 und vor allem kennt er sich perfekt zwischen den Tischen, Stühlen und Reihen des «blindekuh» aus. «Lass dich einfach darauf ein, geniess es, dir passiert nichts. Im Gegenteil, du wirst verwöhnt.» Ab und zu ertönt ein leicht hysterisches Lachen der anderen Gäste. Stühle werden gerückt, Geschirr klirrt, und dank Jeans Stimme macht das Unbehagen langsam einem wohligen Gefühl der Geborgenheit Platz. Er und drei seiner Kolleginnen und Kollegen sind an diesem Abend für das Wohl der 78 Gäste verantwortlich. Diese vier Menschen, die nichts sehen, keine Bestellung notieren können und immer im Kopf behalten müssen, wer jetzt wo an welchem Tisch was bestellt – diese Menschen machen den ganzen Abend lang keinen Fehler. Irren sich nicht. Oder nur selten, wie Jean, der die zweijährige Hotelfachschule in Zürich absolviert hat, später sagen wird.
FAST ALLES GEHT
«Im Normalfall dauert die Einarbeitungszeit zwei bis drei Monate», so Jean Baldo. Er hat sich das Gröbste in wenigen Wochen beigebracht. Wie geht das? «Die Räumlichkeiten und die Tischanordnung musst du dir einprägen. Für die Getränke orientieren wir uns an der Form der Flaschen, die Art der Teller sagt uns, ob es sich um Vorspeise, Dessert, Fleisch oder Vegi handelt», erklärt Jean. Alles geht zügig voran, niemand muss warten. «Schwierig wird es manchmal, wenn zu viele Leute von zu vielen Tischen zu viele Sonderwünsche haben.» Es gibt nur ganz wenige Gerichte, auf welche die «blindekuh»-Gäste verzichten müssen: «Fisch mit Gräten etwa, ganze Poulets oder Spiessli kochen und servieren wir aus naheliegenden Gründen nicht.»
RESERVIEREN LOHNT SICH
Die «blindekuh» gibt es in Zürich seit 1999 und in Basel seit 20 Jahren. «Gegründet wurden sie, um Blinden und Sehbehinderten eine Perspektive zu geben», sagt Johannes Tschopp (67). «Meine Vorgänger waren die ersten auf der Welt, die ein Dunkelrestaurant führten. Inzwischen gibt es in zahlreichen Ländern rund um den Globus Nachahmer. Und das ist gut so.» Heute sind die beiden Lokale in der Schweiz etabliert. «Wer – vor allem am Wochenende – einen Tisch will, tut gut daran, zu reservieren», sagt Monika Janicka (47), die «blindekuh»-Geschäftsleiterin in Zürich. Die beiden Lokale, die nicht vom Staat unterstützt werden, sind selbsttragend. «Doch wenn Reparaturen oder grössere Anschaffungen anfallen, sind wir auf Spenden angewiesen», erklärt Tschopp.
FEINES ESSEN
Wer sich auf einen Abend und auf ein Abenteuer in «blindekuh» einlässt, bereut es nicht. Ob Drei- oder Viergänger, Menu Surprise, Vegi oder Fleisch: In der Küche sind Profis am Werk. Die Preise sind moderat. Für Zürich sowieso. Erstaunlich ist aber etwas ganz anderes: Zunächst fast unmerklich, dann allerdings immer stärker stellen sich die Sinne um. Das Gehör, der Tastsinn, aber auch die Geschmacksnerven kompensieren die absolute Dunkelheit. Und vor allem steigt die Hochachtung vor Menschen mit Sehbehinderungen. Wie sagte Jean Baldo doch zum Abschied: «Das Ziel ist, dass unsere Gäste anders rausgehen, als sie reingekommen sind.»
JEAN BALDO
Alter: 50 Was ist Ihr
Lieblingsgericht? Mediterrane, asiatische oder gutbürgerliche Speisen
Haben Sie ein Traumreiseziel? Transsibirische Eisenbahn-Strecke Moskau-Peking Welches
Geräusch mögen Sie besonders? Vogel-Gezwitscher am Morgen weckt die Lebensgeister
Welche Jahreszeit ist die schönste? Frühling
Gibt es für Sie einen Lieblingsort? Sils-Maria in Graubünden
Text: Franz Bamert
Foto: Christoph Kaminski