Montag, 07.09.2026

Ein Gericht erobert die Welt

Curry hat die Welt erobert wie kaum ein anderes Gericht. Man findet es in Südafrika, Jamaika oder Malaysia. Seine Wurzeln liegen jedoch in Indien – und seine Seele in den Gewürzmischungen, wie die britisch-indische Köchin Roopa Gulati erklärt.

Die tröstende Umarmung von Mamas Curry.» Roopa Gulati (62) muss nicht lange überlegen, wenn sie gefragt wird, was ihr beim Stichwort Curry als Allererstes in den Sinn kommt. «Das Poulet-Curry meiner Mutter ist bis heute mein liebstes», sagt die britisch-indische Köchin und Autorin zahlreicher Kochbücher. Dazu gab es heisse Chapatis – indisches Fladenbrot – und Joghurt. Curry ist eines der beliebtesten und am häufigsten zubereiteten Gerichte. Ob in der Karibik, in Südostasien oder in Afrika: Es gibt kaum eine Weltregion, die im Laufe der Jahrhunderte nicht ihre eigene Curry-Variante hervorgebracht hat. Das hat viel mit der britischen Kolonialgeschichte zu tun. Wer sich dem Thema Curry nähert, kommt jedoch nicht umhin, dort zu beginnen, wo seine Wurzeln liegen: in Indien. Roopa Gulatis Eltern emigrierten Anfang der 1960er-Jahre von dort nach England. Später ging die Tochter den umgekehrten Weg, lebte und kochte fast zwei Jahrzehnte lang in Indien – unter anderem in den Restaurants des berühmten «Taj Mahal»-Hotels in New Delhi.

Jahrtausendealte Wurzeln

In alten indischen Schriften tauchen gewürzte Eintöpfe und Saucengerichte – also gewissermassen Vorläufer heutiger Currys – bereits in der Antike auf. Der Begriff «Curry» erscheint jedoch erst viel später und ist mit der Kolonialgeschichte Indiens verbunden. So sollen die Portugiesinnen und Portugiesen im 16. Jahrhundert das Wort «caril» verwendet haben, das sie vom einheimischen Begriff «kari» ableiteten, was sinngemäss «gewürzte Sauce» bedeutet. Unter britischem Einfluss wurde daraus im 17. Jahrhundert das heute gebräuchliche Wort «Curry». Allerdings fassten die britischen Kolonialherren unter diesem Sammelbegriff sehr unterschiedliche, regional geprägte Saucengerichte zusammen und blendeten dabei die Vielfalt der indischen Küchenstile aus. Welche koloniale Ignoranz auch immer hinter dem Begriff stehen mag – heute ist Curry weltweit etabliert. 

Gut gehütete Geheimnisse

Roopa Gulati reiste für ihr Buch «Indian Kitchens» (Bloomsbury, 2025; derzeit ohne deutsche Übersetzung) durch den indischen Subkontinent und suchte nach Familienrezepten. Dabei spielten verschiedene Currys eine zentrale Rolle. «Je nachdem, in welcher Region man unterwegs ist, schmecken sie völlig unterschiedlich», sagt die Köchin. Während im Norden Indiens oft Zwiebeln und Tomaten die Basis der Sauce bilden, ist es für die Menschen im Süden üblich, mit Kokosmilch und Curryblättern zu kochen. «Die Essenz jedes guten Currys ist aber das Zusammenspiel der Gewürze.» Die meisten indischen Familien haben ihre eigenen Gewürzmischungen, erklärt Gulati, und die Rezepte würden zum Teil wie Schätze gehütet. Eine Mutter habe ihr erzählt, dass sie ihr Rezept für Garam Masala (dt. «wärmende Gewürze») – eine traditionelle indische Gewürzmischung, die oft Currys beigefügt wird – nicht an die eigene Tochter weitergebe. Diese werde eines Tages heiraten und das Rezept womöglich in eine andere Familie tragen. Die Schwiegertochter hingegen werde eingeweiht, damit die Mischung in der Familie bleibe. Auch Roopa Gulati hat ihr eigenes Grundrezept für Garam Masala. Sie hat es von ihrer Mutter übernommen und will es eines Tages an ihre beiden Töchter weitergeben. Die Mischung ist individuell und lässt sich nach Lust und Laune verändern – was Gulati selbst regelmässig tut. «Manchmal füge ich getrocknete Rosenblütenblätter hinzu, dann wieder Koriandersamen oder Curryblätter. Man kann die Gewürze rösten, es ist aber nicht immer nötig.» Das sei das Schöne an Curry: Es spiegle immer die eigene Stimmung wider. Die beste Methode, um das Maximum an Geschmack aus den Gewürzen herauszuholen, sei der Mörser. «Aber ganz ehrlich – das Leben ist kurz. Ich benutze für mein Garam Masala eine dieser kleinen Kaffeemühlen.» 

Globale Verbereitung

Die weltweite Verbreitung des Gerichts Curry geht ebenfalls auf das britische Kolonialreich zurück. Durch die Migration indischer Vertragsarbeitender im 19. Jahrhundert gelangten deren Kochtechniken und Gewürze in britische Kolonien in Afrika, in der Karibik und in Südostasien. Die Currys passten sich dort lokalen Zutaten und Geschmäckern an und entwickelten sich zu eigenen, regionalen Ausprägungen – sei es in Südafrika, Jamaika oder in Malaysia. Roopa Gulati: «Für viele ist Curry nur ein Sammelbegriff, aber er öffnet das Fenster in eine kaleidoskopische Welt.» 

Text: Rico Steinemann 
Foto: Getty Images, Adrian Pope