Montag, 27.04.2026
Kein Restaurant wie jedes andereKein Restaurant wie jedes andere
Wer das Restaurant «Cantina e9» in Basel betritt, sieht vor allem eines: lauter fröhliche Gesichter. Hier arbeiten fast ausschliesslich Menschen mit einem Geburtsgebrechen, einer Lernschwäche oder Langzeitarbeitslose. Auf rund 29 von 36 Angestellten des Restaurants, das nur an Werktagen von 11 bis 14.30 Uhr geöffnet ist, trifft das zu. «Ich finde es megaschön, mit diesen Menschen zu arbeiten», sagt Restaurantleiter Markus Härdi (48). «Die Leute müssen Freude an ihrer Tätigkeit haben und sie brauchen ein gutes Arbeitsumfeld. Nur so funktioniert Inklusion.» Philipp Roggensinger (53) ist Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Weizenkorn, zu der die «Cantina e9» gehört. «Wir sind ein inklusiver Gastronomiebetrieb, in dem wirtschaftliches Arbeiten mit sozialem Auftrag verbunden wird», erklärt er. «Neben der Qualität von Speisen und Service steht die individuelle Förderung von Menschen mit psychischen und kognitiven Einschränkungen im Zentrum. Die Mitarbeitenden werden ihren Ressourcen entsprechend eingesetzt und professionell begleitet.» Es sind Menschen mit einer IV-Rente, die hier ein Zusatzeinkommen verdienen.
AUSBILDUNG UND SELBSTBEWUSSTSEIN
Neben den inklusiven Aspekten sind auch psychologische Aspekte wichtig. Das bestätigt Leonie Gäumann (19), Auszubildende Service PrA (Praktische Ausbildung PrA- INSOS) im zweiten Lehrjahr: «Es gefällt mir sehr gut hier. Die Kommunikation mit dem Team und den Gästen finde ich auch super.» Ihr Selbstbewusstsein habe sich stark verbessert, seit sie in der «Cantina e9» tätig sei. «Anfangs war ich ein Mäuschen, jetzt bin ich ein Panther.» Sagt es und strahlt übers ganze Gesicht. Ganz ähnlich ergeht es Til Brodmann. Der 26-jährige ist seit 2017 mit dabei, und begann seine PrA-Ausbildung in der Küche. Er ist fürs Rüsten, Waschen und Bereitstellen des Salats zuständig, hilft beim Service und auch sonst überall, wo es ihn braucht. «Ich bin in dieser Zeit viel selbstständiger geworden, habe Routine gewonnen und nun alles im Griff. Es macht mich sehr stolz, dass ich das erreichen konnte.» Das Restaurant bietet neben geschützten Arbeitsplätzen auch praxisnahe Ausbildungen und Anlehren im Gastronomiebereich an. Je nach individueller Situation sind überdies interne Qualifizierungen, arbeitsagogische Trainings sowie vorbereitende Schritte in Richtung EBA möglich. Das ist eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten – auch weil die individuellen Belastungsgrenzen der Mitarbeitenden respektiert werden müssen. Dennoch einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten, ist Aufgabe der Gruppenleitenden. «Wenn wir beispielsweise ein Bankett haben, muss ich an jedes Detail denken und alles kontrollieren», erklärt Markus Härdi. Die «Cantina e9» hat nämlich nicht nur Mittagessen auf dem «Speisezettel», sondern auch Bankette und Catering. Manchmal finden in den Räumlichkeiten sogar Konzerte und andere kulturelle Anlässe statt.
EINGLIEDERUNG ODER BEGLEITUNG
Das langfristige Ziel aller Betriebe der Stiftung Weizenkorn ist es, Menschen mit sinnstiftender Arbeit und einem auf sie zugeschnittenen Arbeitsumfeld Perspektiven zu geben und sie – wenn möglich – dem ersten Arbeitsmarkt zuzuführen. Personen, bei denen eine Vermittlung nicht realistisch ist, erhalten weiterhin eine stabile arbeitsagogische Begleitung mit Fokus auf andere Fördermöglichkeiten: Lebensqualität, Tagesstruktur und Teilhabe am Arbeitsleben sollen nachhaltig gesichert sowie individuelle Stärken gefördert werden. Geschäftsleitungsmitglied Philipp Roggensinger, der überdies das zur Stiftung gehörende «Das Breite Hotel» in Basel führt, bringt es auf den Punkt: «Die Betreuung unserer Inklusions-Mitarbeitenden mag manchmal herausfordernd sein, sie ist aber eine sehr grosse Bereicherung.» Die Freude an der Zusammenarbeit beschränkt sich nicht aufs Personal, sondern zeigt sich gleichsam bei den Gästen. Egal ob Familien, Pensionierte oder Leute aus den Firmen im Quartier: Alle scheinen sich in diesem besonderen Restaurant sehr wohl zu fühlen – und das sieht man ihnen auch an. cantina-e9.ch
Die Stiftung Weizenkorn
Das Weizenkorn ist ein soziales Unternehmen, in dem Menschen bei einer sinnvollen Tätigkeit Annahme und Wertschätzung erleben. Über 300 Personen sind an einem begleiteten Arbeitsplatz beschäftigt oder absolvieren eine Ausbildung in den Bereichen Holzwerkstatt, Kerzenatelier, Verkauf, Buchhaltung, Gastronomie und Hotellerie, Hausdienst, Logistik und Administration. Sie werden dabei vom internen Sozialdienst und von 80 Teammitgliedern begleitet. Ziel der Begleitungsarbeit ist es, die bestehenden Kompetenzen zu stärken und die Vermittelbarkeit in die freie Wirtschaft zu verbessern. Das Weizenkorn besteht seit 1979 und ist vom Bund und dem Kanton Basel-Stadt als Geschützte Werkstatt und als Anbieterin für berufliche Abklärungen anerkannt. weizenkorn.ch
Text: Susanne Stettler
Foto: Heiner H. Schmitt