Montag, 20.07.2026
So passen Beiz und Familie zusammen
Endlos lange Arbeitstage, Personalmangel, knappe Margen und Gäste, die am liebsten den Fünfer und das Weggli gleichzeitig möchten: Eigentlich gibt es genug Gründe, keine Quartierbeiz zu übernehmen. Und trotzdem haben es Natascha und Felix Koller getan. Gemeinsam mit ihren beiden Buben Andrin und Theo führen sie seit Anfang 2024 die Alte Sonne in Meilen. Und obwohl die Tage lang und die Nächte oft kurz sind, wirken die beiden erstaunlich entspannt. «Uns war sehr bewusst, worauf wir uns einlassen», sagt Felix Koller. Der gelernte Koch hat in Betrieben gearbeitet, die mit Michelin-Sternen und Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet wurden. Seine Frau Natascha ist Servicefachfrau und Betriebsleiterin Gastro mit eidgenössischem Fachausweis. Beide kennen die schönen Seiten der Branche, aber auch die brutalen. Natascha Koller: «Wir haben erlebt, dass Ehen in der Gastronomie schneller zerbrechen können als anderswo.» Deshalb seien sie nicht blauäugig in dieses Abenteuer gestartet.
GUTE VORBEREITUNG
Die Vorbereitung begann lange vor der eigentlichen Betriebsübernahme. Natascha Koller arbeitete bereits im Service der Alten Sonne und kannte den Betrieb, den Verpächter und sogar die anderen Mieterinnen und Mieter im Haus. Dazu kam eine vertraute Servicefachfrau, die gemeinsam mit den Kollers startete. «Wir waren ein Team, wussten genau, wie die anderen ticken – mit all ihren Stärken und Schwächen», sagt sie.
Entscheidend war aber noch etwas anderes: Unterstützung zuhause. Felix Kollers Eltern, Marianne und Erwin, betreuen an zwei Tagen pro Woche den dreijährigen Andrin und den einjährigen Theo. Ohne dieses Netz im Hintergrund würde vieles nicht funktionieren.
Trotzdem bleibt die Belastung gross. Felix arbeitet regelmässig bis zu 15 Stunden täglich. Probleme gehören zum Alltag. Personal fällt aus, Lieferungen kommen zu spät, die Grippe macht auch vor einer Küchenbrigade nicht halt. Nur: Einschüchtern lassen sich die Kollers davon nicht. «Man kann nie alles voraussehen», sagt Felix. «Aber Probleme sind da, um sie zu lösen.» Als Küchenchef in einem früheren Betrieb führte er deshalb kurzerhand die Viertagewoche ein. «Danach war der Personalmangel kein Thema mehr.»
EIGENE IDEEN
Die Frage bleibt trotzdem: Warum tauscht man ein sicheres Angestelltendasein gegen das Risiko einer Quartierbeiz? Für Felix Koller ist die Antwort einfach. «Ich wollte schon immer meine eigenen Ideen am Herd umsetzen.» Und tatsächlich wirkt die Alte Sonne wie ein Ort, an dem jemand genau das tut. Rund 50 Tagesmenüs und À-la-carte-Gerichte verlassen hier täglich die Küche.
Gekocht wird regional: Der Fisch stammt aus dem Zürichsee, auf der Weinkarte finden sich auffallend viele Zürcher Tropfen. «Ich koche das, worauf ich selber Lust habe», sagt Felix Koller.
Auch privat haben die beiden bewusst Grenzen gezogen. Die Familie wohnt nicht im selben Haus, in dem sich das Restaurant befindet. «Sonst käme ich wohl nie aus der Küche heraus», sagt er. So aber gibt es wenigstens einen kurzen Abstand zwischen Küche und Familienleben. Und dieses Familienleben ist den Kollers wichtig. Trotz aller Hektik frühstücken sie jeden Morgen gemeinsam. Es ist ein kleines Ritual in einem Alltag, der sonst oft von Tempo und Improvisation bestimmt wird.
WIR KOMMEN WIEDER
Natascha Koller hat ihre Rolle ebenfalls neu definiert. Statt täglich an der Front zu stehen, kümmert sie sich heute vor allem um Administration, Zahlen und Organisation und arbeitet noch an zwei Tagen im Restaurant. «Für uns stimmt diese Aufteilung perfekt», sagt sie.
Natürlich gibt es Momente, in denen alles zu viel wird. Die Kinder schlafen schlecht, Mitarbeitende fallen aus, die Arbeit hört nie ganz auf. Und doch: Die Kollers lieben, was sie tun. «Wirklich schlimm wäre es erst, wenn die Jungs oder die Beziehung darunter leiden würden», sagt Natascha Koller. «Dann würden wir das Licht in der Alten Sonne löschen.»
Danach sieht es derzeit allerdings überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: Selbst die Testesser des Tages-Anzeigers machten der Quartierbeiz eines der grössten Komplimente überhaupt. Ihr Urteil lautete schlicht: «Wir kommen wieder.»
NATASCHA KOLLER
Alter: 33
Lieblingsessen: Pho Bo
Sehnsuchtsort: Südostasien
Geht im Restaurant gar nicht: Im Restaurant alles ok – und im Nachhinein schlechte Rezensionen
FELIX KOLLER
Alter: 38
Lieblingsessen: Laotisches Laab mit schwarzem Klebreis
Sehnsuchtsort: Südostasien
Geht im Restaurant gar nicht: No-Shows
Text: Franz Bamert
Foto: Christoph Kaminski